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Der Beweis der Existenz Gottes

Der Beweis der Existenz Gottes
Keiner streichelte den Ball wie er: Das italienische Fussball-Genie Andrea Pirlo hat mit 38 Jahren seine Karriere beendet. Es war ein Abschied, der zu seiner Laufbahn passte, Pirlo ging im Stillen.

Keine Tränen, keine Ehrenrunde mit den Kindern Niccolo und Angela, nur ein wehmütiger Blick ins weite Rund des Baseball-Tempels Yankee Stadium. Andrea Pirlos Abschied von der Fussball-Bühne passte zu dem Mann, den sein Trainer Marcello Lippi als "leader silenzioso" bezeichnete, als stillen Anführer.

Sein letztes Trikot zog der "leise Revolutionär", wie ihn der italienische Fussball-Verband nach dem letzten Akt einer grossen Karriere nannte, auf dem einsamen Weg in die Kabine aus, seine Abschiedsworte sprach er nicht - der zweimalige Champions-League-Sieger (2003 und 2007 mit dem AC Mailand) schrieb sie auf und teilte sie via Twitter.

Sechs Pässe zum Abschied

"Nicht nur mein Abenteuer in New York geht zu Ende, sondern auch meine Reise als Fussballer", schrieb der Weltmeister von 2006 nach dem Playoff-Aus mit dem New York City FC, das 2:0 gegen Columbus Crew war nach dem 1:4 im Hinspiel zu wenig.

Pirlo kam erst in der 90. Minute, die 23.246 Zuschauer bekamen noch sechs seiner einst gefürchteten Pässe zu sehen. Als es vorbei war, winkte er den Fans zu, die sich für ihn erhoben hatten, klatschte müde in die Hände - und verschwand.

Der Beweis der Existenz Gottes
Fussballwelt verneigt sich vor Pirlo

Die Welt des Fussballs verneigte sich vor ihm. Juventus Turin, wo er vier Jahre spielte, würdigte Pirlo als "Genie des schönen Spiels", Torwart-Legende Gianluigi Buffon schrieb: "Wer mit Andrea spielte, verstand die Bedeutung des Wortes 'einzigartig'. Ein Champion, der Klasse, Eleganz und Demut hatte."

City-Trainer Patrick Vieira meinte, Pirlo habe den Fussball mit der Art, wie er die Position der Nummer sechs interpretierte, "für immer verändert. Vor ihm ging es da nur um Zweikampf und Balleroberung, jetzt musst du Spielmacher sein."

Pirlo erzwang Löws grössten Fehler

2012 zwang der begnadete Regisseur Joachim Löw zum wohl grössten Fehler in dessen Trainerkarriere, als er Pirlo im EM-Halbfinale den überforderten Toni Kroos auf die Füsse stellen wollte.

Der "Architekt" bestach stets durch Technik und Präzision, uritalienische Lässigkeit und Coolness. Dabei war er als Kicker nicht perfekt: er dribbelte nur im Notfall, bewegte sich oft schleppend. Pirlo suchte das Schöne im Einfachen, erhob das Profane zur Kunst. Sein Spiel war nie geprägt von Zufall.

"Ich schiesse, wie es dem Moment entspricht", sagte er einmal über die Art, wie er Freistösse trat, "da berechne ich halt die Position der Mauer, den Winkel - und dann geht's los!" Ein Mathematiker in kurzen Hosen. Pirlo sei "der Beweis der Existenz Gottes", behauptete Buffon, "sein Können macht uns verlegen". Dass der Räuber Hotzenplotz des Fussballs das Geschehen aus seinem von langen Haaren und Rauschebart umwucherten Gesicht stets "voller Weltekel" (11Freunde) zu verfolgen schien, verlieh ihm etwas Mysteriöses.

Der Beweis der Existenz Gottes
Mehr Zeit für sein Weingut

Nur sehr selten erklärte er sich in Interviews wie im Oktober, als er das Ende in der Gazzetta dello Sport ankündigte. Wegen Knieproblemen waren seine Einsätze für New York, wo er seit 2015 spielte, seltener geworden, "es ist nicht so, dass man einfach bis 50 weitermachen kann", sagte der 38-Jährige. Über Gefühle sprach er nie, doch nach der Pleite im EM-Finale 2012 oder der im Champions-League-Endspiel 2015 weinte er hemmungslos.

Mit "Maestro" Pirlo verliere der Fussball "ein Talent ohnegleichen", schrieb der Corriere dello Sport, La Stampa kommentierte, diesem "Genie liegt die Welt zu Füssen". Der Junge aus der Provinz Brescia habe "das Fussballspiel erfunden", hiess es im Corriere della Sera. Als Trainer sei Pirlo nicht vorstellbar, "aber jemand, der so mit einem Ball umgehen kann, kann im Leben alles machen".

Auch auf dem Feld bleiben - als Winzer. In seinem Heimatort Capriano del Colle besitzt Pirlo das Weingut "Pratum Coller". Pratum, lateinisch, bedeutet: Rasen.

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