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Dortmund an der Grenze

Dortmund an der Grenze
Zwei Wettbewerbe, fünf Spiele, ein Sieg - so lauten die jüngsten tristen Resultate des furios gestarteten BVB. Die Borussia muss gerade lernen, dass Peter Bosz' System Grenzen hat.

Michael Zorc konnte vor dem Anpfiff noch grinsen. "Es ist ja fast schon ein Adelsschlag", sagte er und lächelte die Frage nach dem Standing von Trainer Bosz süffisant weg, "wenn wir jetzt über den Trainer diskutieren, obwohl der Klub in der Liga auf Platz eins steht". Seit 30 Jahren sei er jetzt in der Bundesliga, aber: "Man lernt nie aus."

Knapp zwei Stunden nach dem ausgerufenen Adelsschlag war niemandem im schwarzgelben Lager mehr nach Lachen zumute. Ein Satz war es, der die Aufarbeitung des 2:2 gegen Eintracht Frankfurt prägte: "Das darf uns nicht passieren." Maximilian Philipp sagte ihn, Nuri Sahin sagte ihn sogar zweimal und Bosz schob hinterher: "Man darf den Gegner nicht leben lassen."

Das darf uns nicht passieren.

Der BVB fühlt sich nach den jüngsten Spielen schon ein wenig kriselnd an. Oder ist das, was sich gerade Woche für Woche auf dem Platz abspielt, einfach das normale Gesicht der Borussen?

BVB: Die Lobeshymnen sind verstummt

Die Lobpreisungen des Saisonbeginns sind auf jeden Fall verstummt. Getragen von der Euphorie unter dem neuen Trainer, mit einem dankbaren Auftaktprogramm und hier und da der nötigen Dosis Glück überstrahlte der BVB die unansehnlichen Ancelotti-Bayern.

Die neue Borussia, Deutschlands beste Mannschaft, Tabellenführer, Meisterkandidat.

Dortmund an der Grenze
"Wir haben nicht den Fussball gezeigt, den wir spielen können, vor allem im Aufbau von hinten heraus", heisst es knapp drei Monate später von Bosz. Der Fussball, den sie spielen können, diesen gnadenlosen Powerfussball des Niederländers - er ist jetzt schon entschlüsselt, heisst es immer öfter.

Zumindest stösst der Fussball, mit dem der BVB zu Saisonbeginn ein berauschendes Hoch durchlebte, gerade an seine Grenzen. Eine dieser Grenzen ist beispielsweise die Verletzungsseuche in der Abwehr. Gegen Frankfurt fehlten Marcel Schmelzer, Lukasz Piszczek, Raphael Guerreiro und Erik Durm - vier Aussenverteidiger. Dazu in der Innenverteidigung Ömer Toprak und der Rot-gesperrte Sokratis. Übrig blieben Jeremy Toljan, ein Neuzugang, Dan-Axel Zagadou, ein 18-Jähriger, Neven Subotic, ein Reservist.

Weigl und Subotic in der Innenverteidigung

So mussten eben jener Toljan links, Mittelfeldspieler Julian Weigl und der bis dahin in der Saison überhaupt nicht berücksichtigte Subotic in der Mitte sowie Innenverteidiger Marc Bartra auf rechts die Abwehrkette in einem System bilden, das auch in Topbesetzung die ganze Saison über noch keine gesunde Balance oder Sicherheit verkörperte.

"Ein grosses Kompliment an die, die da gespielt haben", verteilte der Coach im Anschluss. Es sei schliesslich nicht einfach, "wenn man so lange nicht gespielt hat wie Neven oder auch für Jule, der zum ersten Mal auf dieser Position spielte. Die Jungs haben es gut gemacht."

Über dieses "gut" kann man jetzt vortrefflich streiten, so offenbarte der BVB den Gastgebern aus Frankfurt unerhört grosse Räume. Zaubertaten brauchte es nie, nur mal einen Chip, mal einen einfachen Pass in die Tiefe, mal langes Holz, um wieder einen Frankfurter auf die gefährliche Reise gen Roman Bürki zu schicken.

Die Jungs haben es gut gemacht.

Dass es im Kasten der Borussen nicht öfter klingelte, lag an der Unfähigkeit der Eintracht - und daran, dass die Einzelspieler dieser wilden BVB-Formation wenigstens als Einzelspieler funktionierten.

Aubameyang braucht eine Pause

Eine andere System-Grenze scheint auch die Personalsituation im Sturm zu sein. Pierre-Emerick Aubameyang bestätigte gegen Frankfurt den Eindruck, den der Gabuner bereits beim blamablem 1:1 gegen Nikosia unter der Woche vermittelte: der Angreifer braucht vom intensiven Spiel des BVB eine Pause.

Dortmund an der Grenze
In Hälfte eins schlich er abgemeldet über den Platz, bekam ganze acht Mal das Spielgerät. Beim mittelfeldlosen Harakiri, das beide Mannschaften im zweiten Abschnitt veranstalteten (SGE-Sportvorstand Fredi Bobic: "Das habe ich zuletzt bei den Alten Herren erlebt"), kam Aubameyang besser zur Geltung, war aber entweder immer einen Schritt zu spät oder liess seine Hochkaräter ungewohnt schlampig liegen.

Doch wer soll Aubameyang zuverlässig ersetzen? Genau eine Alternative haben die Borussen in Sachen Mittelstürmer im Kader: Alexander Isak, einen 18-Jährigen Schweden, der in einem knappen Jahr im Ruhrpott genau 32 Minuten auf dem Feld stand.

Bosz: "Nuri trifft den einzigen Frankfurter auf der Linie"

Und so fügen und formen sich viele Kleinigkeiten zu einer problematischen Situation. Freilich darf man nicht vergessen, dass vor allem die letzten drei Partien auch anders hätten ausgehen können, hätte der BVB seine Grosschancen in den Schlussminuten gegen Leipzig, APOEL und die Eintracht verwertet. "Die Jungs versuchen es bis zum Schluss, sind vielleicht ein bisschen müde", sagt Bosz. "Uns fehlt am Ende ein bisschen das Glück. Nuri trifft dann den einzigen Frankfurter Spieler auf der Linie."

So wird der BVB wohl die unterhaltsamste Mannschaft der Liga bleiben - für den neutralen Zuschauer. Gnadenlos im Pressing, furios nach vorne, mit dem Mut zur Lücke in der Defensive.

Will er das nicht sein, muss der BVB Letzteres in den Griff bekommen. Oder eben mehr Tore schiessen. Dass Bosz seinen Kurs und die Taktik ändert, scheint nämlich keine Option zu sein.

Das darf uns nicht passieren. Ein Satz, der in Dortmund am Samstagabend womöglich nicht zum letzten Mal gefallen ist.

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