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James Rodriguez: Spielmacher ohne Position

James Rodriguez: Spielmacher ohne Position
Der FC Bayern München hat James Rodriguez für zwei Jahre ausgeliehen und bekommt mit dem Kolumbianer einen klassischen Spielmacher. James ist ein Freigeist, der schwerlich in ein taktisches Konzept einzuordnen ist. Zuletzt durfte der 26-jährige Kolumbianer sein Können nicht allzu oft zeigen - wenn aber doch, dann bewies er grösste Effizienz.

Der FC Bayern München hat James Rodriguez für zwei Jahre ausgeliehen und bekommt mit dem Kolumbianer einen klassischen Spielmacher. James ist ein Freigeist, der schwerlich in ein taktisches Konzept einzuordnen ist. Zuletzt durfte der 26-jährige Kolumbianer sein Können nicht allzu oft zeigen - wenn aber doch, dann bewies er grösste Effizienz.

Zinedine Zidane bietet sich schon sehr gut als Vorbild an, bringt er dafür doch alle nötigen Voraussetzungen mit. Zidane hat einst viele schöne Tore geschossen, viele schöne Vorlagen gegeben, viele schöne Tricks gezeigt und überhaupt sehr schönen Fussball gespielt. Begeistert hat er damit unter anderem den jungen Kolumbianer James Rodriguez.

"Zidane ist mein Idol", dachte er sich, sagte es später auch immer wieder mal und eiferte seinem Vorbild nach. Ziemlich erfolgreich. Wie einst Zidane in der französischen Nationalmannschaft streifte sich James in der kolumbianischen das Trikot mit der 10 auf dem Rücken über und machte der sagenumwobenen Nummer alle Ehre. James zeichnet sich zwar anders als Zidane eher über seine Dribbelkünste als über sein Passspiel aus, ist aber genau wie Zidane ein klassischer Zehner, ein Spielmacher.

Als solcher sieht er sich selbst für die künstlerischen Noten des Spiels seiner Mannschaften verantwortlich. James' Treffer bei der WM 2014 gegen Uruguay war etwa ein Gemälde an sich - und gleichzeitig auch seine eigene Interpretation eines etwas älteren Gemäldes. Zwölf Jahre zuvor, im Champions-League-Finale von 2002, malte Zidane das Original. Er schoss damals zwar von etwas näher, weiter links und nahm sich den Ball vorher nicht mit der Brust an, aber ansonsten war es ein Abbild. Volley mit links unter die Latte. Traumhaft.

James entnervt von Idol Zidane

Spätestens dieses Tor hob James auf einen neuen weltweiten Bekanntheits-Level. Und machte ihn somit interessant für einen Klub wie Real Madrid, der bekanntlich recht viel auf den weltweiten Bekanntheits-Level von Spielern gibt und James folgerichtig verpflichtete. "Für mich ist ein Traum wahr geworden", sagte er und spielte eine hervorragende Premieren-Saison unter Trainer Carlo Ancelotti, der ihm gewisse Freiheiten liess.

Dass nach einem erfolglosen Intermezzo unter Rafael Benitez Zidane zu Reals neuem Trainer bestimmt wurde, war für James wie die Fortsetzung seines Traums. Jetzt durfte er unter seinem grossen Vorbild trainieren und spielen und damit nicht nur gewisse, sondern alle Freiheiten geniessen und die Rolle des klassischen Spielmachers einnehmen. Dachte er, sein neuer Trainer Zidane war einst schliesslich auch einer.

Doch es lief nicht, wie er es sich erträumt hatte. Ganz im Gegenteil. Trainer Zidane sieht in seinem System keinen klassischen Spielmacher vor. Das nervte James zunehmend und in dieser Saison entnervte es ihn sogar. "Dieser Motherf***** lässt mich nicht einmal 90 Minuten spielen", soll James seinem Idol und Trainer bei einer Auswechslung entgegengebrüllt haben, wollen zumindest Lippenleser lippengelesen haben. Zidane zeigte sich bei der folgenden Pressekonferenz darauf angesprochen sogar verständnisvoll. Einige Wochen zuvor hatte er über James gesagt: "Jeder Spieler ist in seiner Art besonders."

James: Der Freigeist

Und was James besonders macht, sind seine Fähigkeiten als Spielmacher. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er im Idealfall Stürmer vor sich, Flügelspieler neben sich und Sechser hinter sich hat. Dann ist er im Zentrum des Spielfelds, dann ist er der Dreh- und Angelpunkt.

Mal holt James den Ball aus der Tiefe und dribbelt oder kombiniert ihn nach vorne. Mal schickt er die Flügelspieler in die Tiefe oder lässt sich selbst dorthin fallen. Gerne steckt er den Ball auch durch die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrreihen oder sucht eigenständig den Abschluss. Er ist flink, handlungsschnell und mag auch die Ruhe - den ruhenden Ball. Zu seinen grossen Stärken zählen Standardsituationen, sowohl in Form von Schüssen als auch von Flanken.

Ist seine Mannschaft aber in der Defensive, ruht sich James gerne etwas aus, verschiebt nicht ganz so konsequent. Womöglich, um sich für offensive Glanztaten zu schonen. James ist am liebsten das, was man im Fussball-Jargon einen Freigeist nennt.

In der kolumbianischen Nationalmannschaft darf er es sein, dort ist er Kapitän und das Zentrum der Aufmerksamkeit. "Für Kolumbien kann ich etwas freier spielen", sagte James kürzlich, angesprochen auf Vergleiche mit seiner Rolle bei Real, mit der er im Laufe seines Engagements in Madrid zunehmend unzufrieden wurde.

Sein Potenzial war auch dort stets über alle Zweifel erhaben, aber es gab schlicht keinen idealen Platz für ihn. Unter anderem wegen Casemiro, der dem Mittelfeld mehr defensive Stabilität verleiht und die unumstrittenen Luka Modric und Toni Kroos somit eine Reihe weiter nach vorne schiebt - dorthin, wo auch James spielen könnte. Nicht ganz ironiefrei ist es deshalb, wenn eben jener Casemiro sagt: "James ist ein Spieler, der von jedem bewundert wird."

Die beiden problematischen "Wos"

Er war in der vergangenen Saison aber auch ein Spieler, der nur dann auflief, wenn ein Stammspieler unpässlich war. Mal half James als Achter aus, mal am rechten Flügel. Obwohl er also nicht mehr als eine Aushilfskraft war (klar, eine sehr edle Aushilfskraft), beeindruckte er mit seinem Ertrag. Elf Tore und 13 Assists in 33 Pflichtspielen sind schon sehr ansehnlich, ein Blick auf die Zahlen hinter den Zahlen machen sie aber noch ansehnlicher.

Alle 84 Minuten war James an einem Tor beteiligt, er liegt in diesem Ranking nur zwei Minuten hinter Cristiano Ronaldo. Im Schnitt verzeichneten nur Toni Kroos und Isco mehr Ballaktionen pro Spiel als James. Er verwertete einen deutlich höheren Anteil seiner Grosschancen als Ronaldo oder Karim Benzema und gab im Schnitt mehr Torvorlagen pro Spiel als jeder andere Real-Akteur. Zusammengefasst: James spielte eine sehr effektive Saison. Aber taktisch gesehen eben nicht dort, wo er eigentlich will.

Etwas geschmälert werden seine starken Zahlen neben dem taktischen darüber hinaus durch ein zweites "Wo" und zwar das geographische. James machte seine Spiele, Tore und Vorlagen kaum in den Fussball-Tempeln Europas, sondern viel eher in den brüchigen Durchschnittsstadien Spaniens. In der Champions-League-K.o-Runde spielte James nur zweimal, insgesamt 83 Minuten. Im Finale stand er nicht einmal im Kader.

Diese beiden "Wos" spielten beim Transfer des Kolumbianers zum FC Bayern jedenfalls eine grosse Rolle: Ohne das zweite wäre er für die Münchner wohl nicht erschwinglich gewesen, ohne das erste nicht so verpflichtungswürdig. "James ist ein vielseitig einsetzbarer Spieler", liess sich Karl-Heinz Rummenigge in einer Pressemitteilung zitieren. Inwiefern diese Aussage den Spieler selbst erfreut, ist fraglich. Laut SZ hätte sich James in den Vertragsgesprächen explizit selbst als Nummer zehn bezeichnet.

Carlo, James und der Weihnachtsbaum

Letztlich wird James beim Transfer aber wohl auf sein Bauchgefühl gehört haben. Und das sagte ihm seinerseits, dass das Bauchgefühl von Bayern-Trainer Ancelotti für ihn spricht. Und wenn auf etwas Verlass ist, dann auf das Bauchgefühl von Ancelotti, ist er bekanntlich ein ausgewiesener Gourmet. "Die Verpflichtung war der grosse Wunsch unseres Trainers Carlo Ancelotti", erklärte Rummenigge.

"Ich war von seinem Niveau sehr überrascht", sagte Ancelotti selbst kürzlich über die Zusammenarbeit mit James in Madrid. Auch wenn es bei Ancelottis Real einst ebenfalls keinen klassischen Spielmacher gab, so war James doch zumindest ein verkappter. Spielte er auf der Acht, gestaltete er das Spiel nach vorne und erarbeitete sich viele Abschlusssituationen. Kam er auf dem Flügel zum Einsatz (vornehmlich dem rechten), drängte der Linksfuss gerne in die Mitte.

James ist jedenfalls kein klassischer Flügelspieler wie die alternden Franck Ribery und Arjen Robben und wird es auch nie sein. Womöglich plant Ancelotti beim FC Bayern langfristig ein System ohne klassische Flügelspieler. Schon beim AC Milan feierte er einst grosse Erfolge mit einer 4-3-2-1-Formation und betitelte danach sogar eines seiner Bücher: "Il mio albero di Natale", mein Weihnachtsbaum.

Fussball-System-taktisch würde darunter Manuel Neuer liegen, metaphorisch James Rodriguez: Er ist ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk des FC Bayern an Ancelotti - und zwar nicht in Form einer Überraschung, sondern der Erfüllung eines expliziten Wunsches.

Ancelotti scheint Verwendung für James zu haben. Und Verwendung bedeutet bei dessen Spielweise und Fähigkeiten: Freiräume.

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